[Rezension] Franziska Fischer - Das Meer, in dem ich schwimmen lernte

grass-harp | Donnerstag, 4. Juli 2013 | / |


Titel: "Das Meer, in dem ich schwimmen lernte"
Autorin: Franziska Fischer
Reihe: -
Genre: Contemporary Young Adult
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: Mai 2012
Format: Paperback // Amelie Verlag
Wohltäter: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag


Die Studentin Ronja ist alles andere als eine typische Backpackerin: Eigentlich ist sie viel zu ruhig und introvertiert, um durch ein Land zu reisen, in dem ihr alles fremd ist – die Sprache, das Essen, die Menschen. Dennoch macht sie allein Urlaub in Mexiko, sechs Wochen lang, auf der anderen Seite des Ozeans.
Zunächst lässt sie sich treiben, erwartet nichts. Bis sie auf Julia trifft, die ebenfalls durch das Land reist. Zusammen fahren die beiden jungen Frauen an die Pazifikküste, wo Ronja zum ersten Mal im Meer badet – und spürt, was Freundschaft bedeutet.
Als Julia nach Deutschland zurück muss, strandet Ronja in einem kleinen Ort fernab der Touristenpfade. Dort lernt sie Ismael kennen, einen mexikanischen Schmuckkünstler, und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Doch hat die Beziehung der beiden überhaupt eine Chance? Immerhin rückt mit jedem Tag, der vergeht, auch Ronjas Abreise näher …






Manche Bücher nehmen mich so richtig mit. Sie sind spannend oder dramatisch und ich leide mit den Figuren. Sie bringen mich zum Lachen und zum Weinen. Aber manche berühren mich auf ganz andere Art und Weise – stiller, nicht so offensichtlich. Während der Lektüre kommt es nicht zu einem Gefühlsausbruch, aber noch lange nach dem Zuklappen des Romans beißt sich die Geschichte in den Gedanken fest. Im Kopf bin ich noch tief versunken in dieser Welt, noch immer gedanklich und emotional verbunden mit der Hauptfigur und komme einfach nicht davon los. Ich fühle mich verstanden und inspiriert. Solche Bücher begegnen mir nicht oft, deshalb ist ihre Wirkung umso stärker. Und genau das war auch bei „Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ der Fall.

Als Mensch mit chronischem Fernweh wollte ich unbedingt mit Ronja durch Mexiko reisen. Ihre Ankunft in dem so fremden, fernen Land sog mich sofort in ihren Bann. Ronja ist verunsichert, die Menschen reden ihr zu schnell und sie erleidet einen Kulturschock. Konnte ich alles sehr gut nachvollziehen. Glücklicherweise läuft sie aber Julia über den Weg, einer anderen deutschen Backpackerin, die sich schon etwas besser auskennt und Ronja ein wenig an die Hand nimmt. Zwischen den beiden baut sich allmählich eine Freundschaft auf – ganz ohne Drama und viel Klimbimm. Kurz vor Julias Abflug reisen die beiden an einen Küstenort; von dort aus muss Ronja alleine weiter.

Aber dass sie in diesem riesigen Land gar nicht alleine ist, bemerkt sie auch bald. Auch hier werden wieder langsam Beziehungen aufgebaut, auf eine ruhige, stille Art. Ich mag es, wie das Näherkommen verschiedenster Figuren in diesem Roman geschildert wird. Als Leser muss man viel zwischen den Zeilen lesen, weil einem nicht alles vorgesagt und vorgedacht wird. Gleichermaßen wirkt die Handlung dadurch aber viel natürlicher. Mal ganz im Ernst, wie oft reden wir im wahren Leben mit unseren Freunden oder Bekannten explizit über die Beziehung, die uns mit ihnen verbindet? Wie oft denken wir so richtig darüber nach? Ab und zu vielleicht, aber so oft, wie das in manchen Büchern thematisiert wird, sicherlich nicht. Das ist hier zum Glück ganz anders. Hinzu kommt, dass diese stille Art wunderbar zu Ronja passt, die insgesamt ein sehr ruhiger, ausgeglichener und nachdenklicher Mensch ist.

Auch der Stil passt zu ihr – poetisch angehauchte Beschreibungen, die die Atmosphäre der verschiedenen Orte und Situationen, die Ronja auf ihrer Reise miterlebt, sehr gut einfangen und widerspiegeln.

In Ronjas Gedankenwelt abzutauchen fiel mir überhaupt nicht schwer. Sie ist Anfang 20, hat ein paar Semester des Biologiestudiums hinter sich und fragt sich nach dem Sinn des ganzen. Ich denke, viele Menschen in diesem Alter durchleben so eine Phase, in der der Alltag einfach nicht genug ist, in der man ausbrechen möchte und doch wieder Kind sein will; sich gleichermaßen nach der Vergangenheit und der Zukunft sehnt, dabei aber Angst vor falschen Entscheidungen hat. Womöglich treffen nicht all diese Zwiespälte auf Ronja zu, doch auch sie macht sich viele Gedanken über die verschiedenen Facetten des Erwachsenseins.

„Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ ist von der Struktur her aber auch wie eine Backpacking-Tour. Etwas ziellos, mit einem Abstecher hier- und dorthin. Das könnte nach hinten losgehen, klappt hier aber total gut. Im Fokus stehen Ronja und ihre Entwicklung – und weil sich Menschen auf Reisen nun mal stetig verändern, geht das gut mit den restlichen Erlebnissen einher, die Ronja auf dem Weg durch Mexiko sammelt. Manch einem Leser mag das vielleicht zu wenig Spannung bieten; ich mag solche Bücher aber sehr, weshalb ich mich über diesen eher uneindeutigen roten Faden nicht beschweren will.

Genauso still endet das Buch auch – und bleibt dadurch umso länger in Gedanken. Lange nach dem Zuklappen des Buchs machte ich mir noch Gedanken um diese Geschichte. So abgedroschen es klingen mag: „Das Meer, in dem ich schwimmen lernte“ hat mein Leben irgendwie bereichert. Und genau deshalb kann ich es auch nur weiterempfehlen: Sicherlich gibt es noch weitere Menschen, denen dieses unscheinbare Buch etwas bringt – ob es nun Inspiration, ein paar schöne Lesestunden oder die gedankliche Reise in ein fernes Land sind.


Kommentare:

  1. Ich mag das, was du hier schreibst. Da könnte ich glatt meine Sachen packen und wieder ins Ausland ziehen. Ich danke für die Rezension, ich hätte das niemals von dem Buch gedacht. Aber es klingt schön. Das mit den Facetten des Erwachsenwerdens.

    Ich hatte auch so eine Phase, nachdem ich wieder nach Deutschland gezogen bin, wo ich über mein Leben und mein sinnloses Studium sinniert habe. Ich habe dann 2 Wochen nach Unianfang abgebrochen. Im 5. Semester. Volles Risiko, aber ich habe es nie bereut. Ich kann nichts erzwingen, was einem nicht glücklich macht.
    Vielleicht werfe ich mal ein genauen Blick auf das Buch. Du hast es mir jedenfalls schmackhaft gemacht mir deiner tollen Rezension =)

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    1. Das freut mich sehr :) Und ich hoffe, dir bringt das Buch genauso viel wie mir.
      Aber wow, im 5. Semester abbrechen ist ja schon ein nicht gerade kleiner Schritt. Du hast Übersetzen studiert, Deutsch-Spanisch oder so, nicht wahr? Klang ja eigentlich interessant, aber umso besser, wenn du den Abbruch nicht bereust :)

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  2. Kann ich nur nochmal unterschreiben und es freut mich, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! Bin auch ein Mensch mit chronischem Fernweh und hatte während das Lesens so eine melancholische Stimmung und Sehnsucht nach Prag (wo ich eine Zeit gelebt habe), dass ich es fast hätte nochmal lesen können :D

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    1. Oh ja, ich wollte auch unbedingt an all die Orte zurück, an denen ich mich länger mal aufgehalten habe, und alle weiteren Orte, die ich noch nicht kenne, bereisen :D Ist aber gut, so ein Buch griffbereit zu haben, wenn einen das Fernweh mal wieder ganz besonders stark überkommt :D

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  3. Ja, das muss ich dann wohl wirklich mal lesen :)
    Klingt ja voll gut, dass es nicht (nur) um eine Liebesgeschichte geht (dachte ich irgendwie) sondern Ronja auch viele verschiedene Beziehungen aufbaut. Ich denke übrigens schon öfter über die Beziehungen nach, die ich zu anderen Menschen habe... aber mit ihnen drüber reden ist eine andere Sache. Interessiert mich ja jetzt wie gut ich in dem Buch zwischen den Zeilen lesen könnte.

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    1. Oh ja! :)
      Stimmt, das geht im Klappentext ein bisschen unter, dass es auch noch um andere Dinge gehen könnte. Mit Ismael ist sie schon länger unterwegs, aber selbst dann geht es nicht NUR um die beiden und ihre Beziehung. Voll gut.
      Mmh das stimmt schon, man denkt vielleicht tatsächlich öfter mal darüber nach, aber gerade das darüber Reden wird in einigen Büchern (finde ich) manchmal etwas übertrieben; das wirkt schon etwas übertrieben.

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    2. Die letzten Sätze des Klappentexts lassen es dann halt plötzlich wie eine total dramatische Liebesgeschichte klingen und weniger wie einen "Reiseroman".

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    3. Eine dramatische Liebesgeschichte ist es aber echt gar nicht. Ich finde, es geht mehr um Selbstfindung, als um Liebe.

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  4. Ok, nach Deiner Rezension ist das Buch nun endgültig auf der Wunschliste gelandet. Klingt definitiv interessant und manchmal mag ich so ruhigere Bücher recht gerne (wenn ich in Stimmung dazu bin).

    LG
    Monika

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    1. Ja, auf der Wunschliste ist es sehr gut aufgehoben :D Hoffentlich kannst du dann mit dem Buch ebenso viel anfangen wie ich :)

      LG

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  5. ja! jetzt habe ich definitiv noch mehr Lust auf das Buch :) Ich habe gerade auch wieder so eine Phase, wo ich einfach nur irgendwo hin fahren will, was unternehmen, mal weg von dem ganzen Stress. Das landet also definitiv schon mal auf meiner Wunschliste, und mit Sicherheit auch demnächst ins Regal.

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    1. Für so eine Phase ist das Buch wirklich gut geeignet. Während man liest, wird man etwas besänftigt, aber danach will man noch viel lieber weg. Trotzdem; es hilft. Viel Spaß damit! :D

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  6. Das klingt nach einer sehr schönen Geschichte und solche Fernweh-Bücher passen gerade perfekt zum Sommerwetter!
    Deine Rezi ist wirklich toll geschrieben und macht Lust auf mehr - danke dafür :)
    Liebe Grüße,
    Nora

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    1. Nichts zu danken :) Ich hoffe, das Buch gefällt dir ebenso gut wie mir und kann dich auch so gut in Sommerstimmung versetzen :)

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