[Rezension] Alessandro D'Avenia - Weiß wie Milch, rot wie Blut

captain cow | Mittwoch, 10. Juli 2013 | / |


Titel: "Weiß wie Milch, rot wie Blut"
Autorin: Alessandro D'Avenia
Originaltitel: "Bianca come il latte, rossa come il sangue"
Reihe: -
Genre: Contemporary Young Adult
Seitenzahl: 288
Erscheinungsdatum: Juli 2010
Format: Klappenbroschur // btb
Wohltäter: Buchtausch (Wortmalerei)


Leo ist ein ganz normaler 16-Jähriger, der in perfekter Symbiose mit seinem iPod lebt, Fußball spielt und am liebsten auf seinem Moped durch Rom brettert. Leo ist fest davon überzeugt, Löwenkräfte zu besitzen, aber er hat einen Feind, der ihm zusetzt: die Farbe Weiß. Weiß ist die Stille, die Sehnsucht und die Einsamkeit. Rot dagegen ist die Farbe der Liebe, der Leidenschaft, des Blutes. Rot sind auch die Haare von Beatrice, die er anbetet. Und seit Leo in der Schule von diesem neuen Vertretungslehrer unterrichtet wird, der den Schülern Literatur wie Popmusik nahe bringt und den alle nur den Träumer nennen, hat er sogar seine Vorurteile gegenüber dieser Spezies über Bord geworfen. Leo nimmt also all seinen Mut zusammen und schickt Beatrice eine Verszeile aus Dantes »Vita Nova« – per sms. Dass sie ihm nicht antwortet, macht ihm schwer zu schaffen, bis der Träumer vor der Klasse steht und ihnen sagt, dass Beatrice schwer krank ist.






„Weiß wie Milch, rot wie Blut“ ist ein verdammt unbekanntes Buch. Auf den ersten Blick wirkt der Klappentext so, als würde das Buch eine romantische, übertypisch italienische Geschichte erzählen, mit viel Amore und so weiter. Ganz falsch ist diese Vermutung auch nicht, denn Liebe kommt in dem Roman vor, genauso wie sehr viele, sehr bildhafte, meistens etwas kitschige Beschreibungen. Trotzdem funktioniert die Geschichte ganz prima und lässt einen nicht alle zwei Seiten mit den Augen rollen.

Warum das so ist? Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, es liegt vor allem an der authentischen Erzählstimme. Der Roman ist aus der Sicht von Leo erzählt, einem 16-jährigen Jungen, der Fußball und Musik liebt – und Beatrice, seine Mitschülerin. Die weiß aber blöderweise nichts von ihm und so himmelt er sie die meiste Zeit aus der Ferne an. Bald muss er aber erkennen, dass Liebe gar keine so einfache Sache ist und auch, dass das Leben nicht immer in gewohnten Bahnen verläuft. Er muss einsehen, dass man manchmal über seinen eigenen Schatten springen muss, um etwas Richtiges und Gutes zu tun, und dass das selten einfach ist.

Aus Leos Sicht habe ich wirklich gerne gelesen. Er erzählt ganz frei Schnauze, in kurzen Kapiteln und je nach Laune sind seine Formulierungen schön (gut, manchmal auch ein bisschen abgedroschen) oder abgehackt und umgangssprachlich. Flüche auf die Welt und auf ihn selbst kommen in Leos Gedanken oft vor – besonders dann wirkt er richtig kindlich, während er in anderen Situationen langsam einen Durchblick erlangt und immer mehr Erkenntnisse über die Welt gewinnt.

Es werden auch viele Geschichten, Sagen, Dichter und religiösen Botschaften in die Geschichte geworfen. Besonders der neue Geschichts- und Philosophielehrer – von Leo „der Träumer“ genannt – stupst mit diversen Zitaten und Geschichten immer mal wieder Leos Gedanken an. Einerseits fand ich es total toll, zu beobachten, wie Leo sich zu diesen verschiedensten Quellen eine Meinung bildet, andererseits war dieses Potpourri aber auch für mich als Leser interessant. Im Kern hatten all diese Quellen eine ähnliche Botschaft, auch wenn sie aus völlig verschiedenen Richtungen kamen. Einige davon gefielen mir besser als andere (besonders mit den Bibelsprüchen bin ich nicht so ganz klar gekommen, aber das ist Leo auch nicht), aber das tut gar nichts zur Sache. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Autor mir mit diesen Sachen etwas predigen will. Genauso wie für Leo sind das alles nur Ansatzpunkte und man kann sich seine eigene Meinung darüber bilden. Gerade in Jugendbüchern begegnet mir eine derartige Tiefe aber auch Gedankenfreiheit für den Leser sehr selten, sodass ich darüber besonders erfreut war.

Davon abgesehen macht das Buch aber auch furchtbar Spaß. Es ist atmosphärisch, Menschen werden mit Stärken und Schwächen dargestellt, und Leos Gedanken haben mich immer wieder zum Lachen gebracht. T9 nimmt einen großen Teil in diesem Roman ein, aus „Verzeihung“ wird „Verweigerung“ und aus „Gott“ wird „Hot“. Leo ist an der Stelle ein kleiner Spinner und beißt sich an so etwas fest. Er fragt sich, ob der Dichter Dante auch so etwas wie T9 für seine Verse benutzt hat – kurze Zeit später denkt er sich „Dichtung ist gereimte Kacke. Fick dich, Dante!“

Das Auf und Ab seiner Gedanken ist wirklich gut dargestellt und manchmal möchte man den armen Jungen einfach in den Arm nehmen, weil ihn die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens so fertig machen. Dadurch konnte ich mich aber auch furchtbar gut mit ihm identifizieren und war umso interessierter an seiner Entwicklung.

Als einziger kleiner Kritikpunkt bleibt bei mir, dass der Roman an manchen Stellen doch ein klitzekleines Bisschen abgedroschen war, besonders was manche Formulierungen anbelangt:

„Im Grunde genommen tut das Leben nichts anderes, als einem ein buntes Gewand zu schneidern, zum Preis unzähliger schlafloser Nächte, aneinandergenähte Überbleibsel anderer Leben. Und ausgerechnet, wenn wir uns am ärmsten fühlen, schneidert uns das Leben wie eine Mutter das allerschönste Kleid.“

Ihr versteht was ich meine? Ich muss aber zugeben, dass ich diese Analogie trotzdem ganz toll finde, deshalb haben mich derartige Details auch nicht gestört.




Entgegen anfänglicher Befürchtungen ist „Weiß wie Milch, rot wie Blut“ ein wunderbares Buch über das Erwachsenwerden, die Liebe und Leben. Leo ist ein kleiner romantischer Chaot, in dessen Gedanken ich gerne meine Zeit verbracht hab. Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung!


Kommentare:

  1. Schööön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Meine Bewertung sah ähnlich aus! Hast du die Danksagung vom Autoren gelesen? Die fand ich richtig toll :D

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    1. Jaa, die fand ich auch total toll, die hab ich mir gleich zweimal durchgelesen :D
      Im Herbst erscheint ja dann auch die Übersetzung seines zweiten Buchs, freu mich schon drauf :)

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    2. Uhh, echt? Das ist ja klasse :) Direkt mal notieren :D

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  2. Das Buch steht schon ewig auf meiner WuLi. Ich glaube, bei der nächsten Bestellung ist es dann endlich mal dabei :)
    Italienische Autoren haben irgendwie alle ein feines Gespür für tolle Geschichten. Das neue Buch von Alessandro D'Avenia klingt auch richtig toll. Nur etwas schade, dass es erst im Dezember erscheint. Es klingt nach einem perfekten Sommerbuch.

    BTW: Der Regen in deinem Zimmer von Paola Predicatori habe ich erst kürzlich gelesen. Das könnte dir vielleicht auch gefallen! Hat sehr viel mit Selbstfindung zu tun - solche Bücher suchtest du ja letztens, oder? :)

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    1. Jaa bitte unbedingt! Das Buch ist echt klasse :)
      Das stimmt, irgendwie habe ich bisher auch mit den meisten italienischen Autoren Glück gehabt. Da werden auch oft so Kleinigkeiten und Details eingebaut, die das ganze noch ein bisschen bereichern, und oftmals ist der Stil auch total atmosphärisch.

      Finde ich auch etwas schade, aber dann kann man sich etwas Sommer in den kalten Winter zaubern; hat ja auch was :)

      Das gucke ich mir gleich mal an - ja, sowas suche ich immer wieder, obwohl ich es da besonders gerne mag, wenn die Schule nicht vorkommt, sondern die Protagonisten aus dem Alter schon raus sind. Aber trotzdem danke für den Tipp!

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