[Rezension] Antonia Michaelis - Solange die Nachtigall singt

grass-harp | Sonntag, 14. April 2013 | / |


Titel: "Solange die Nachtigall singt"
Autorin: Antonia Michaelis
Englischer Titel: -
Reihe: -
Genre: YA Contemporary
Seitenzahl: 448
Erscheinungsdatum: September 2012
Verlag: Oetinger Verlag
Format: Hardcover
Wohltäter: Der Kapitän

Ein Wald, der im Nebel ein Rätsel verbirgt. Ein Wanderer, der sich verirrt. Eine Geschichte, die dem Leser den Atem raubt. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre begibt sich Jari auf Wanderschaft, um Freiheit und Natur zu genießen. Dabei trifft er auf Jascha, das bezauberndste Mädchen, dem er je begegnet ist, und folgt ihr zu ihrer Enklave mitten im Wald. Gefangen zwischen märchenhafter Schönheit und menschlichen Abgründen wird der harmlose Tischler zum unerbittlichen Jäger.






Mit Antonia Michaelis ist das irgendwie so eine Sache... Ich mag die Thematik ihrer Bücher, mag es, dass sie Dinge ausspricht, die in anderen Büchern (vor allem Jugendbüchern) sonst nicht so auftauchen. Ich mag es, dass ihre Figuren alles andere als perfekt sind, dass sie mit Märchen spielt und man mitdenken muss und auch nach der Lektüre noch lange über das Gelesene nachdenken kann. Insofern finde ich ihre Bücher furchtbar interessant und lese sie auch gerne – dass sie mir wirklich gut gefallen, kann ich aber trotzdem nicht behaupten. Das war auch bei „Solange die Nachtigall singt“ wieder der Fall.

Zunächst ist mir erneut der unverwechselbare Stil der Autorin aufgefallen. Er zieht einen immer tiefer in die Geschichte und lässt einen dort versinken und den Rest der Welt vergessen. Er lullt einen ein, weil er die Geschichte wie eines der Märchen klingen lässt, die man als Kind vorgelesen bekommen hat. Das ist gruselig und beeindruckend, zumal man dadurch nachvollziehen kann, wie Jari der Schönheit und den Geheimnissen des Mädchens verfällt. Außerdem weiß man durch dieses Märchenhafte nie so ganz, woran man wirklich ist – ist das eine ganz realistische Erzählung? Oder kommen fantastische Elemente darin vor? Die Grenzen zwischen Realität und Illusion sind in diesem Roman so dünn gezeichnet, dass es als Leser oft schwerfällt, den Unterschied zu finden.

Die Spannung im Buch baut sich eher langsam auf, man wird nach und nach mit Häppchen gefüttert. Zuweilen hatte ich das Gefühl, es würde immer zwei Schritte voran, dann aber wieder einen zurück gehen. Besonders im Mittelteil sorgte das für Längen und Wiederholungen, die ich unnötig fand. Dieses ziellose Dahinplätschern frustrierte mich irgendwann, weil man nicht genau weiß, wohin die Autorin mit dem Ganzen will. Beim Lesen war das nicht so schlimm, aber immer wenn ich das Buch weglegte, hatte ich nur wenig Lust, es wieder in die Hand zu nehmen und weiterzulesen.

Dass mir die Hauptfigur fern blieb, war da nicht gerade hilfreich. Jari ist sehr menschlich dargestellt und sein Schicksal interessierte mich auch, doch manchmal legte er so ein naives, dorftrotteliges Verhalten an den Tag, dass ich ihn am liebsten schütteln wollte. Auf der anderen Seite fand ich es spannend aber auch beunruhigend, das Geschehen durch seine Augen mitzuerleben, denn er lässt sich leicht manipulieren. Die tatsächlichen Ereignisse von seiner Einbildung und Fantasie zu trennen, war da auch kein ganz leichtes Unterfangen; es hat die Geschichte aber auf jeden Fall interessanter gemacht.

Antonia Michaelis stößt in diesem Buch wieder viele problematische Themen an. Es wird nichts mit Samthänden angefasst oder verschwiegen, stattdessen werden Seite um Seite die Gedanken des Lesers angeregt. Fand ich die meiste Zeit über sehr gut, unentschlossen bin ich aber immer noch über das Ende.

Nur lesen, wenn ihr das Buch schon gelesen habt :
Dass Jascha doch nur eine Person ist und (wahrscheinlich) eine multiple Persönlichkeitsstörung hat, fand ich total interessant. Durch die ganzen Pilze und den Wein und Jaris Willen, sich blenden zu lassen und der Umstand, dass fast alles aus seiner Perspektive erzählt wird, empfand ich das als gar nicht so unlogisch. Hier und da gab es zwar ein paar Stellen, bei denen ich dann im Nachhinein nicht ganz verstanden hab, wie das funktioniert haben könnte – aber alles in allem kann man das eben auch Jaris Blendung zuschreiben. Mich hat die Auflösung ziemlich überrascht.

Weniger gut hingegen fand ich die ganze Aktion mit Matti. Einerseits dass er sterben musste, andererseits auch die Schwangerschaft. Das war so unnötig, vor allem, dass sie das Kind dann Mathilde nennen und am Ende (fast) alles wieder gut ist?! Jascha hat zwar eine Art Rückfall am Ende, aber irgendwie kommen sie und Jari einfach so davon. Ende gut, alles gut. Dabei hat Jari doch Menschen getötet. Das kann er doch nicht alles auf seinen Rausch schieben? Es ist eine Sache, dass niemand dahinter kommt – das kann ich noch verschmerzen. Aber dass man bei ihm keine Gewissensbisse oder Gedanken bemerkt, fand ich dann doch arg unlogisch und erschreckend.





„Solange die Nachtigall singt“ ist wieder ein gelungenes Werk aus Antonia Michaelis‘ Feder. Ernste Themen, facettenreiche Figuren und ein schaurig-schöner, märchenhafter Schreibstil machen das Buch lesenswert. Ganz unproblematisch ist es aber nicht, denn besonders am Ende wuchs bei mir die Enttäuschung. Alles in allem ist es die Lektüre aber doch wert, vor allem wenn man schon vom „Märchenerzähler“ beeindruckt war.


Kommentare:

  1. Ich finde das ja irgendwie total schade, dass wir anscheinend mit keinem Michaelis Buch so richtig perfekt glücklich werden. Andererseits frage ich mich auch, ob das nicht mit den Reiz ausmacht. Würden wir ihre Bücher überhaupt so interessant finden, wenn sie uns nicht immer solche Felsbrocken in den Weg legen würde?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Haha, im wahrsten Sinne des Wortes Felsbrocken! Aber das ist echt eine interessante Überlegung. Diese Felsbrocken bewirken ja auch irgendwie, dass man sich im Nachhinein noch wesentlich länger mit dem Buch beschäftigt. Also kann das schon gut sein.

      Löschen
  2. Mir ging es wirklich ähnlich mit dem Buch. Das Ende war einfach so eine Sache, vor allen Dingen die Sache mit dem Gewissen, die du angesprochen hast. Habe den Märchenerzähler zwar noch nicht gelesen, aber ich bin gespannt, was die Autorin da so bereithält. Schöne Rezension!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! Und ich freue mich, dass du das auch ähnlich siehst, auch wenn es wirklich schade ist... Ich bin mal gespannt, wie dir der Märchenerzähler gefällt. Leichter als dieses Buch ist er auf jeden Fall nicht :) Aber das muss er ja auch nicht.

      Löschen
  3. Ich habe auch eine geteilte Meinung zu dem Buch. Antonia Michaelis schreibt so anders als andere Autoren. Irgendwie schön, aber auch so...möchtegern-poetisch.

    Liebe Grüße!
    Buchheldin

    AntwortenLöschen