[Rezension] Michail Schischkin - Briefsteller

grass-harp | Sonntag, 3. Februar 2013 | / |

Titel: "Briefsteller"
Autor: Michail Schischkin
Originaltitel: "Pis'movnik"
Reihe: -
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: Oktober 2012
Verlag: DVA
Format: Hardcover
Preis: 22,95 €
ISBN: 978-3-421-04552-2
Wohltäter: DVA

Sascha und Wolodja haben sich einen Sommer lang geliebt, bevor der Krieg sie auseinanderriss. Seither können sie sich nur schreiben. Diesem Briefwechsel voller Verständnis und Verbundenheit scheint das Grauen des Krieges nichts anmhaben zu können. Zwei Stimmen, die sich begegnen, außerhalb von Zeit und Raum. Ein großer, anrührender Roman über das Geheimnis der Liebe und es Todes.






Sascha und Wolodja verbindet eine Sommerliebe. Dann jedoch trennt sie der Krieg und ihre Kommunkation findet nur über Briefe statt – Briefe, in denen sie ihre Gedanken zu diesem und jenem austauschen, in denen sie von Erlebtem berichten und ihre Gefühle bis zum kleinsten Teilchen beleuchten.

Bei der Lektüre ist mir zuallererst der Stil aufgefallen. Sascha und Wolodja schreiben sich Briefe in einer Sprache, die alles andere als gewöhnlich und einfach ist. Verrückt klingende und dennoch eingängige Metaphern kommen darin vor, Alltägliches wird auf eine besondere Art und Weise geschrieben, sodass man gerne darüber liest – und Wolodjas schreckliche Ereignisse aus dem Krieg bilden mit dieser schönen Sprache eine seltsame Allianz und lassen das Grauen echt erscheinen. Auf der anderen Seite werden aber auch Gedanken der Hauptfiguren so verpackt, dass man sie nachvollziehen kann.

Diese Gedanken tauchen sowohl bei Sascha als auch Wolodja auf. Sie schreiben einander von Überlegungen, die sie haben; was einem als Leser allerdings nicht nur einen guten Einblick in ihre Köpfe verschafft. Man fängt ebenfalls an, sich über die verschiedensten Dinge Gedanken zu machen, angeregt von den Sätzen in dem Buch.

Deshalb berührt der Roman auf zwei Ebenen – einmal mit diesen Gedankenanstößen, andererseits aber auch mit den Geschehnissen, von denen die beiden berichten. Oftmals sind das eher traurige oder gar brutale als fröhliche Erzählungen, was das Lesen manchmal nicht ganz leicht macht. Dennoch versucht der Autor hier nicht auf mitleiderregende Weise zu schildern, was die Figuren erleben, sondern vielmehr neutral – und das macht das Ganze noch echter. Darüber hinaus bleibt dem Leser viel Raum zum selber Nachdenken und Interpretieren. Anfangs war ich davon etwas verwirrt, weil mir der Zusammenhang zwischen den Briefen fehlte, sowie ein roter Faden und ich das Buch einfach nicht verstanden habe – doch nach und nach kommt auch das. Es ist schön, wenn man als Leser auch ein bisschen über die Geschichte mitbestimmt und sie auf eigene Faust interpretieren kann.

Sascha und Wolodja kommt man als Leser auf eine seltsame Weise nahe und doch irgendwie nicht. Man erfährt von ihren innersten Gedanken, liest über ihre Erinnerungen – und all das wirkt authentisch und passend. Gleichermaßen wird jedoch genug weggelassen, sodass sie beliebige Personen auf der Straße sein könnten, denen man begegnet. Diese Mischung war es, die mir besonders gut gefallen hat: Sie sind Menschen wie du und ich, die etwas für sie sehr besonderes erlebt haben, aber gleichermaßen wie jeder andere von einer Hürde zur nächsten stolpern und zusehen müssen, wie sie auf die andere Seite kommen. Das macht ihre Geschichten authentisch – aber gleichermaßen auch besonders.




„Briefsteller“ ist ein Roman, der alles andere als gewöhnlich ist. Dennoch dreht er sich um zwei ziemlich normale Hauptfiguren mit Gefühlen und Gedanken, die man als Leser gut nachvollziehen kann. Erzählt wird das ganze auf besondere Art und Weise, die einen fast vergessen lässt, dass man einen Briefroman liest. Empfehlen kann ich das Buch allen Lesern, die auf einen klaren roten Faden verzichten können, um sich in die Gedankenwelten zweier Figuren zu stürzen. Die Reise lohnt sich!


Kommentare:

  1. Hach, schön dass dir das Buch auch so gut gefallen hat wie mir :)
    Ich stand aber auch erst mal komplett auf dem Schlauch und habe gar nichts verstanden.

    Hoffentlich wird jetzt endlich mehr von Michail Schischkin übersetzt. Soweit ich das verstanden hatte, hat er schon einige Bücher geschrieben, die alle noch nicht übersetzt wurden. Venushaar klingt vom Klappentext her leider ehr nicht nach einem Buch für mich, aber vielleicht lese ich irgendwann mal rein :)

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    1. Ich bin froh, dass sich das noch geklärt hat. Anspruchsvolle Bücher mag ich ja, aber wenn man sie einfach gar nicht versteht, ist das dann auch irgendwie doof.

      Das hoffe ich auch. Bei "Venushaar" habe ich mir gerade mal den Klappentext durchgelesen und so direkt spricht mich das jetzt auch nicht an. Allerdings würde ich es eventuell lesen, weil der Autor ja nicht schlecht ist. Mal sehen :) Hoffentlich kommen noch ein paar andere Bücher von ihm :D

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  2. Tolle Rezension! Bis jetzt hatte ich zwar Interesse daran, aber keine Eile, es zu lesen. Das hat sich jetzt auf jeden Fall geändert! Ich muss mir das Buch ganz bald zulegen. Hach. :)

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    1. Danke!
      Bald hast du ja die Möglichkeit dazu :D Ich bin mal gespannt, wie es dir dann gefällt.

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  3. Hm, ich habe schon die ganze Zeit auf deine Rezension gewartet, nachdem ich gesehen habe, dass du es liest. Ich bin irgendwie trotz der hohen Wertung noch abgeschreckt.Ich glaube mir ist momentan nicht so recht nach Buch ohne roten Faden... so blöd das klingt. Werde es erstmal im Hinterkopf behalten. Schöne Rezension, vielen Dank dafür :)

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    1. Das kann ich aber verstehen, manchmal ist man für solche Bücher nicht in der Stimmung und wenn man sie dann trotzdem lesen würde, haben sie meistens nur die halbe Wirkung. Aber vielleicht irgendwann später mal. Solltest du es noch lesen, viel Spaß dabei!

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  4. Okay, okay, überzeugt. Kriegsliteratur ist sonst nicht so meins (Deutschunterricht und so ;), aber das hier klingt wirklich gut und diese rote-Faden-Sache macht mich ganz neugierig.

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    1. Kann ich gut verstehen, aber es gibt ja glücklicherweise ein paar gute Ausnahmen (- hust -"Between Shades of Gray" - hust -). Bin mal gespannt, ob dich dieses hier dann auch beim Lesen überzeugen können wird :D

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