[Rezension] David Mitchell - Der Wolkenatlas

grass-harp | Montag, 21. Januar 2013 | / |

Titel: "Der Wolkenatlas"
Autor: David Mitchell
Originaltitel: The Cloud Atlas
Reihe: -
Genre: Belletristik, Abenteuer, Contemporary, Historische Fiktion, Dystopie, ...
Seitenzahl: 672
Erscheinungsdatum: November 2007
Verlag: Rowohlt Verlag
Format: Taschenbuch
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-499-24036-2
Wohltäter: Der Kapitän

Sechs Lebenswege, die sich unmöglich kreuzen können: darunter ein amerikanischer Anwalt, der um 1850 Ozeanien erforscht, ein britischer Komponist, der 1931 vor seinen Gläubigern nach Belgien flieht, und ein koreanischer Klon, der in der Zukunft wegen des Verbrechens angeklagt wird, ein Mensch sein zu wollen. Und dennoch sind diese Geschichten miteinander verwoben. Mitchells originelle Menschheitsgeschichte katapultiert den Leser durch Räume, Zeiten, Genres und Erzählstile und liest sich dabei so leicht und fesselnd wie ein Abenteuerroman.






„Der Wolkenatlas“ von David Mitchell erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern sechs, die sich zu verschiedensten Zeitpunkten, an verschiedensten Orten, mit verschiedensten Figurenkonstellationen abspielen und in unterschiedlichen Genres angesiedelt sind. Klingt verrückt? Ist es auch, zumindest bis man irgendwann den Durchblick hat und die seltsame Kombination zur Normalität wird.

Ich habe für die Lektüre dieses Buchs knapp einen Monat gebraucht. Die ersten 200 Seiten flogen nur so dahin, bis ich an einen Punkt kam, bei dem für mich erstmal Schluss war. Die Figur in ebendieser Geschichte konnte mich zunächst nicht reizen, mir war der Bruch zu den vorherigen Geschichten zu groß und der Zusammenhang zwischen den Figuren tat sich mir nicht wirklich auf. Für sich genommen mochte ich jede der bis zu diesem Zeitpunkt gelesenen Geschichten, doch die Verbindung schien mir zu weit hergeholt. Hin und wieder deutete das ganze auf Reinkarnation hin, was für mich zu dem Buch allerdings nicht ganz passen wollte. Also musste das Buch erst einmal pausieren, bis ich es schließlich wieder in die Hand nahm und – nach einer erneuten kurzen Eingewöhnungsphase – endlich an einen Punkt kam, an dem das Ganze einen Sinn ergab – zumindest soweit, wie es für solch ein Buch überhaupt möglich ist.

Egal ob man sich mit Adam Ewing im 19. Jahrhundert auf der Reise über den Pazifik befindet, mit Robert Frobisher im Haus eines verrückten Komponisten lebt, mit Luisa Rey versucht, einen Skandal aufzudecken und mit ihr um ihr Leben fürchtet, ob man mit Timothy Cavendish den grässlichen Alltag des Altersheims erlebt, durch Sonmi~451’s Erzählungen eine grausame Zukunftsvision geschildert bekommt oder mit Zachry durch die schon nicht mehr zivilisierte Welt einer fernen Zukunft schreitet – mit allen von ihnen fiebert man mit und möchte ihre Geschichten erfahren. Sehr glaubwürdig sind alle von David Mitchells Figuren gezeichnet; manche von ihnen mit mehr nervigen Eigenschaften als durchweg positiven – doch allesamt sind sie überzeugend menschlich.

Ein Ritt durch die Erzählstile findet in diesem Roman ebenfalls statt; schließlich besteht es aus Tagebuchaufzeichnungen, einem Interview, Briefen und rückblickend erzählten Geschichten. Das beeindruckende daran ist, dass der Autor sich in den verschiedensten Passagen auch der Sprache der jeweiligen Zeit anpasst. Anfangs muss man sich daran allerdings sehr gewöhnen, deshalb sollte man für dieses Buch ein bisschen Geduld mitbringen.

Doch das Durchhalten lohnt sich. Denn die so inkompatibel scheinenden Bruchstücke der Geschichten setzen sich irgendwann doch recht gleichmäßig zusammen und erschaffen ein beeindruckendes, tiefgründiges Bild menschlicher Gedanken und Taten über die Zeiten hinweg.




„Der Wolkenatlas“ ist ein ungewöhnliches Buch, das nicht jedem gefallen wird. Wer sich aber gerne mit verschiedensten Persönlichkeiten in Romanen auseinandersetzt und ein bisschen Geduld mitbringt, wird die Lektüre dieses Romans kaum bereuen. Denn David Mitchell erschafft hier ein Werk, in dem Stile, Genres, Figuren und Welten aufeinanderprallen.
Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, diese Kollision zu beobachten. Einzig für den etwas gewöhnungsbedürftigen Einstieg und diesen kleinen Aspekt der Wiedergeburt gebe ich einen Punkt Abzug.


Kommentare:

  1. Wow, das Buch hört sich ja mal echt interessant an! Ich kenne eigentlich nur den Film dazu, "Cloud Atlas", der in die Kinos kommen wird (oder schon kam? Keine Ahnung :D)
    Die Idee mit Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, von jedem ein bisschen hat mich vollkommen überzeugt, ebenso deine Rezi - Dieses Buch landet auf meiner Wunschliste! (Auch wenn ich sagen muss, dass ich das Cover bemerkenswert hässlich finde ^^)
    Alles Liebe,
    Mara

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    1. Der Film kam schon in den Kinos :)
      Ich kann das Buch wirklich nur empfehlen und hoffe, dass es dir ähnlich gut gefallen wird. Das Cover finde ich sogar ganz okay; auf jeden Fall besser als das Filmcover :S

      Liebe Grüße

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  2. Danke, danke, danke! Diese Rezension hat mich jetzt vollends überzeugt und ich denke, in spätestens einem Monat werde ich mich mal heranwagen, wirklich viielen herzlichen Dank :)

    Liebe Grüße, Hanna ♥

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    1. Hehe Mission acomplished :D Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen - hoffentlich enttäuscht dich das Buch nicht!
      LG

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  3. Ah, die Antwort auf meine Frage ;) Hast du wirklich gut beschriebe, ohne mich jetzt zu spoilern. Mir gefällt das Buch auch wirklich gut aber man braucht wirklich einen ruhigen Ort zum Lesen. Einfach so in der Bahn ist es für mich nichts.
    Den Titel verstehe ich noch immer nur sehr andeutungsweises... Wird das noch klarer? Bin erst auf S. 214 und kämpfe gerade mit Timothys Art zu erzählen ;)

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    1. Das ist gut - ich hatte schon Angst, es könnten sich kleine Spoiler darin verkrochen haben.
      Das Buch erfordert wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich habe es auch kaum in der Bahn oder so lesen können, einfach weil man sich dann nicht konzentrieren kann und auch viele Einzelheiten vielleicht gar nicht wahrnehmen würde :S
      Der Titel ist, finde ich, ziemliche Interpretationssache und wird eher durch die Verhältnisse klarer. Viel Erfolg noch mit Timothy, mit ihm bin ich auch am wenigsten klargekommen, wobei ich seine Art zu erzählen irgendwann doch ganz cool fand :D

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  4. Schöne Rezension :) Ich kann dir in allem nur zustimmen. Freut mich, dass es dich am Ende doch noch begeistern konnte. :D

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    1. Das freut mich wiederum :) Und ja, vor allem auf der zweiten Hälfte hat mich das Buch ungemein fasziniert, weil dann alles etwas klarer wird :) Danke noch mal fürs Mut machen :D

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  5. Uh, das macht mich erst recht neugierig. Es wird zwar noch ein bisschen dauern, bis ich das Buch endlich zur Hand nehmen werde, aber du hast auf alle Fälle mein Interesse geweckt :)
    Schöne Rezi, wie immer ;)

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    1. Das ist schön zu hören. Viel Spaß beim Lesen! Ich bin neugierig, wie dir das Buch dann gefallen wird :)

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  6. Hm, das klingt schon irgendwie ziemlich cool, aber ich bin immer noch ein wenig abgeschreckt und fühle mich versucht einfach nur den Film zu gucken :P Hast du den denn schon gesehen und kannst sagen, ob der mit dem Buch mithalten kann?

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    1. Haha, das kann ich mir vorstellen :D also den Film habe ich auch gesehen und er ist okay. Für sich genommen eigentlich recht gut, verglichen mit dem Buch aber ziemlich schwach, weil er wenig in die Tiefe geht, und bestimmte Handlungsstränge amerikanisch/hollywoodisch verweichlicht sind und die Botschaft dadurch voll verändert wird. Der Film ist also eher die leichtere Version mit viel (zu viel) Sahne und Fluff.
      Andererseits ist das Buch wirklich ein Wälzer und man muss auf jeden Fall motiviert sein. Ich habe gehört, dass irgendwo ein NotizBuch dazu rumgeht? Vielleicht wäre das ja was für dich.

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    2. Ach Mensch, das ist ja ärgerlich. Immer diese Hollywoodweichspülerei :P Oh als NotizBuch ist das bestimmt nicht schlecht (boah, aber den Klopper per Post verschicken? xD), ich glaube nur im Moment lohnt es sich nicht, ich hab gerade eher wenig Lust mich mit diesem Wälzer ernsthaft zu beschäftigen ;)

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    3. Oh, du hast den Film mittlerweile gesehen? Schööön, dass du ihn genauso empfunden hast, wie ich. Das beruhigt mich. ;D
      Bei vielen Änderungen fragte ich mich echt, wieso die notwendig waren. Und ich musste später im Buch nachlesen, ob ich etwas falsch verstanden habe. *hust*

      Eine schöne Rezension, es freut mich, dass dir das Buch gefallen hat. Ich habe auch wirklich lange dafür gebraucht, ich glaube, fast einen Monat. Aber es hat sich gelohnt! :)

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    4. Ich fand ihn jetzt nicht die schlechteste Verfilmung des Jahres (das war eindeutig der Hobbit), aber ja, so berauschend war er dann auch wieder nicht.
      Es geht wohl vielen so, dass sie länger für das Buch brauchten. Aber durchrauschen wäre da irgendwie auch seltsam :S

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