[Rezension] Philip Sington - Das Einstein-Mädchen

grass-harp | Dienstag, 4. Dezember 2012 | / |

Titel: "Das Einstein-Mädchen"
Autor: Philip Sington
Originaltitel: "The Einstein-Girl"
Reihe: -
Genre: Historischer Roman, Thriller
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: Oktober 2012
Verlag: dtv
Format: Taschenbuch
Preis: 9,95 €
ISBN: 978-3-423-21399-8
Wohltäter: ausgeliehen

Berlin 1932. Eine junge Frau wird im Wald bei Caputh bewusstlos aufgefunden und in die Charité eingeliefert. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an nichts erinnern, nicht einmal an ihren Namen. Bei ihr findet man nur einen Programmzettel von einem Vortrag Albert Einsteins. Martin Kirsch, der zuständige Psychiater, ist fasziniert von diesem ungewöhnlichen Fall - und von seiner Patientin. Wer ist diese Frau? Gibt es eine Verbindung zu Einstein? Seine Nachforschungen führen ihn nach Zürich und bis nach Serbien. Währenddessen ergreifen in Deutschland die Nazis die Macht ...

Quelle: Bild, Text





Ein seltsamer Vorfall, der in der Psychiatrie endet, die Verbindung des Opfers zu Einstein und zur Physik – und all das vor dem Hintergrund der Machtübernahme der Nazis in den Dreißiger Jahren? Klingt spannend, vor allem wenn auf dem Cover auch noch mit den Worten „Ein erstklassiger historischer Thriller“ geworben wird. Zugegebenermaßen gehören Thriller ja nicht zu meinem Lieblingsgenre, aber hier machte ich mich auf gemeine Spielchen verknüpft mit wissenschaftlichen Inhalten gefasst.

Leider war das ein ziemlich falscher Ansatz, den ich mir da zurechtgelegt hatte. Die Wissenschaftlichkeit wird vom Autor zwar nicht unter den Tisch gekehrt – im Gegenteil, es gibt viele Passagen, ganze Seiten, auf denen es um Einstein und seine Theorie zur Quantenphysik geht, sowie die Ansätze der Psychiatrie und Kritik daran –, doch auf den Thriller-Anteil hofft man vergeblich. Bis auf ein paar seltsame Vorkommnisse war ich selten nervös bei der Lektüre – schließlich stellten die meisten Figuren keine unmittelbare Bedrohung für die Hauptfigur dar. Zwielichtige Gestalten gab es zwar trotzdem und auch die bescherten mir hin und wieder eine Gänsehaut, doch generell lassen diese paar Eskapaden das Buch kaum zu einem Thriller werden. Als spannenden, verzwickten historischen Roman könnte man das ganze eher bezeichnen.

Davon aber mal ganz abgesehen hat mir das Buch recht gut gefallen. Die Figuren sind allesamt sehr realistisch gezeichnet, mit ihren eigenen Motivationen, Ängsten und Sorgen. Auch bekanntere Figuren wie Einstein werden vom Autor nicht auf ein hohes Podest gestellt, sondern wie normale Menschen behandelt. Innerhalb des Romans ist Einsteins Berühmtheitsgrad zwar ziemlich deutlich zu erkennen, doch zu einem durchweg freundlichen und perfekten Mann hat ihn Philip Sington dennoch nicht gemacht.

Die Hauptfigur Martin Kirsch ist ebenfalls authentisch dargestellt – blieb mir jedoch leider auch ziemlich fern. Der Autor beschreibt dessen Gefühle und Gedanken zwar, doch so neutral, dass ich den Roman zwar interessiert verfolgte, aber nicht wirklich mitgerissen wurde. Das ist okay, weil das Hauptthema des Buchs ein anderes ist, doch generell hätte ich mir etwas mehr Identifizierungspotential bei Kirsch gewünscht – schließlich fiebert man bei einer interessanten Hauptfigur, in die man sich hineinversetzen kann, automatisch auch mehr mit.

Stilistisch ist „Das Einstein Mädchen“ sehr unauffällig – was aber nicht an einem zu einfachen Stil liegt. Der Autor beschreibt die Dinge allerdings in einem Maß, das genau ausreicht, um sich eine Vorstellung zu machen und diese mit eigenen Fantasien noch aufzuhübschen. Die Erzählweise tritt also eher in den Hintergrund, was bei den vielen Inhalten (vor allem den wissenschaftlichen Theorien und Diskussionen) sehr angenehm ist.

Besonders gut gefallen hat mir jedoch die Kombination aus historischem Roman, Spannung und etwas Wissenschaft. Den Zeitgeist des Anfangs der Dreißiger Jahre in Berlin hat der Autor gut dargestellt. Dennoch bleiben die Konflikte zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten und schließlich Hitlers Machtübernahme weitestgehend im Hintergrund und lassen den anderen Geschehnissen Raum oder verknüpfen sich mit ihnen. Eine äußerst gelungene Mischung!





„Das Einstein Mädchen“ kann man gelesen haben, muss man aber nicht. Wenn man mal einen eher unüblichen Ausflug ins Berlin der dreißiger Jahre machen möchte und dabei in den damaligen Stand der physikalischen und psychiatrischen Erkenntnise abtauchen will, dann ist der Roman eine ziemlich gute Wahl. Wer jedoch lediglich Spannung basierend auf seltsam mysteriösen Ereignissen erwartet, sollte vielleicht doch lieber zu einem anderen Buch greifen.


Kommentare:

  1. Das Buch ist doch eine Überlegung wert ;)
    Ich finde vor allem das Cover richtig gelungen und von dem Buch habe ich ich noch nichts gehört...schöne Rezi !

    LG, Gina

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    1. Dann bin ich mal gespannt, ob es dir gefällt. Freut mich, dass ich dich darauf aufmerksam machen konnte :)

      LG
      Hannah

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  2. "Kann man gelesen haben, muss man aber nicht" war auch mein Eindruck vom Buch. Nun bin ich zugegeben nie über die ersten 25% auf dem Kindle hinaus gekommen. Das lag aber eben gerade daran, dass mich der Roman nicht mitreißen konnte.

    LG, Katarina :)

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    1. Ach schade. Ich muss aber zugeben, dass es für mich auch erst ab der Mitte so richtig losging. Verpasst hast du da aber trotzdem nicht viel :)

      LG
      Hannah

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