[Rezension] Carlos Ruiz Zafón - Der Gefangene des Himmels

grass-harp | Freitag, 9. November 2012 | / |

Titel: "Der Gefangene des Himmels"
Autor: Carlos Ruiz Zafón
Originaltitel: "El Prisionero del Cielo"
Reihe: Der Friedhof der vergessenen Bücher #3
Genre: Historische Fiktion, Mystery, Belletristik, magischer Realismus
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: Oktober 2012
Verlag: Fischer Verlag
Format: Hardcover
Preis: 22,99 €
ISBN: 978-3-10-095402-2
Wohltäter: Fischer Verlag
Leseprobe
Nach ›Der Schatten des Windes‹ und ›Das Spiel des Engels‹ der neue große Barcelona-Roman von Carlos Ruiz Zafón. - Barcelona, Weihnachten 1957. Der Buchhändler Daniel Sempere und sein Freund Fermín werden erneut in ein großes Abenteuer hineingezogen. In der Fortführung seiner Welterfolge nimmt Carlos Ruiz Zafón den Leser mit auf eine fesselnde Reise in sein Barcelona. Unheimlich und spannend, mit unglaublicher Sogkraft und viel Humor schildert der Roman die Geschichte von Fermín, der »von den Toten auferstanden ist und den Schlüssel zur Zukunft hat«. Fermíns Lebensgeschichte verknüpft die Fäden von ›Der Schatten des Windes‹ mit denen aus ›Das Spiel des Engels‹. Ein meisterliches Vexierspiel, das die Leser rund um die Welt in Bann hält.

Quelle: Bild, Text





Seit ich gemeinsam mit Daniel und seinem Vater in „Der Schatten des Windes“ das erste Mal den Friedhof der vergessenen Bücher betreten habe, war ich hin und weg von den magisch-realistischen Geschehnissen vor der Kulisse des historischen Barcelonas. Individuelle Figuren, ein spannender Handlungsverlauf, mysteriöse Ereignisse und der sehr intensive und atmosphärische Schreibstil des Autors formen das Gesamtpaket, das diesen Roman – und seinen Nachfolger – so beliebt machen. Kein Wunder also, dass ich zum Erscheinungstermin des dritten Teils der Reihe, „Der Gefangene des Himmels“, völlig aus dem Häuschen war. Abgesehen von einem weiteren Ausflug in die Vergangenheit stellt er nämlich eine Verknüpfung zwischen den sehr unterschiedlichen Vorgängerbänden her.

Gefangen genommen wird der Leser sogleich wieder von Zafóns typischem Stil, der manchmal etwas zu blumig und überzogen ist, insgesamt aber eine sehr authentische Kulisse aufbaut und mit ungewöhnlichen, aber nicht unbeholfenen Worten das Innenleben und die Umgebung der Figuren beschreibt. Schon gleich im ersten Kapitel geschieht etwas Merkwürdiges, das sogleich auf einen verzwickten Handlungsverlauf schließen lässt. Das Wiedersehen mit Daniel und Fermín wird dadurch aber kaum getrübt, schließlich stellen die beiden ein selten vorhandenes Duo dar. Ich war entzückt, gebannt und voller Vorfreude.

Aber dann kam der Bruch. Auf den ersten hundert Seiten häufen sich verschiedenste Hinweise, sodass man zu knobeln und raten anfängt und – möglicherweise – notdürftige Erklärungen findet. Doch dann kommt ein Sprung in die Vergangenheit. Der liefert Begründungen – aber viel zu früh! Die Spannung kommt nur immer mal wieder zustande, weil es noch viel zu wenige Fragen, dafür aber schon gleich Antworten gibt. Den Ausgang vieler Situationen kann man sich bereits denken. Die Länge dieses Zeitsprungs bewirkt, dass zum Ende des Buchs hin nur ein mickriges Finale stattfindet, das für mich eher wie ein Lückenfüller wirkte. Plötzlich scheinen viele Probleme gelöst, die Figuren sind putzmunter und alles funkioniert so, wie es soll. Für Zafóns sonst eher dramatische Plots ist das viel zu blass, zu gutmütig, zu einfach und unkompliziert.

Darüber hinaus fehlte es mir an der Liebe zur Literatur, die in den beiden Vorgängerbänden auf fast jeder Seite zu spüren war. Die Magie des Geschichtenerzählens oder –lesens wurde in „Der Gefangene des Himmels“ jedoch weitestgehend außer Acht gelassen und auch der Friedhof der vergessenen Bücher kommt wesentlich zu kurz. Klar, den Buchladen von Daniel und seinem Vater gibt es noch immer und einige Autoren und Bücher werden erwähnt, doch sie sind keine zentralen Gegenstände der Handlung und werden auch nicht besonders ausgiebig und liebevoll beschrieben.

Diese beiden Punkte sorgten bei mir für große Enttäuschung. Dass Daniel wie eh und je ein angenehmer, nachdenklicher und natürlicher Protagonist ist, der eine glaubwürdige Wandlung durchgeht; dass Fermín nachwievor immer einen klugen Spruch auf den Lippen hat und eine ganz besondere Figur ist – all das ist toll und ein Beweis für Zafóns literarisches Talent. Aber meine Begeisterung für das Buch wieder anfachen, konnten sie trotzdem nicht.





Ich habe das Gefühl, dass Zafón es sich mit dem Buch leicht gemacht hat. Dass er zwei Handlungsstränge zusammen führen wollte, einen guten Weg gewählt hat, aber sich für die weitaus einfachere Variante entschieden hat. Weil aber genau das nichts ist, was man von ihm erwartet, flacht die Magie ab und entsteht nur durch den tollen Stil. „Der Gefangene des Himmels“ ist ein Buch, das man als treuer Anhänger der Reihe lesen kann – aber man muss es nicht. Hinter den beiden Vorgängerbänden bleibt es weit zurück.


Kommentare:

  1. Och nöööö :(
    Habe zwar jetzt nur das Fazit gelesen, aber das Gefällt mir nicht. Ich bin ja auch so ein großer Zafón-Anhänger wie du.

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    1. Jaaa :/
      Na ja, die Kirsche war da ja ganz anderer Ansicht, vielleicht teilst du diese dann :) Man kann es nur hoffen...

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  2. Danke für die tolle Kritik! Das bestärkt mich nur noch mehr, dass ich das Buch nicht lesen will. Ich mochte den zweiten Band schon nicht richtig und ich bin mir ziemlich sicher, dass würde beim dritten genauso sein.
    Ich hoffe nur, dass Zafon es jetzt endlich gut sein lässt und die Reihe beendet ist.

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    1. Da kannst du echt froh sein, dass du ihn bisher nicht gelesen hast!
      Ich mochte den zweiten Band, aber das hier war einfach nur seltsam... Ich denke aber, da folgt noch ein vierter Teil. "Der Gefangene des Himmels" wirkte wie so ein Lückenfüller; ich bin mir fast sicher, dass da noch etwas kommt. Nur ob das noch lesenswert ist, ist dann die Frage :/

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  3. Echt? Oh nö :-|
    Langsam frage ich mich, ob Zafon die Reihe wirklich weiter schreiben will oder ob da nur der Verlag dahintersteckt, der die Idee ausschlachtet.
    Er wird das grandiose erste Buch noch ganz kaputt schreiben :(

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    1. DAS ist natürlich auch eine gute Überlegung. Könnte ich mir sogar irgendwie vorstellen. Ich hoffe nur, dass es mit dem vierten Teil dann auch wirklich vorbei ist. So wie ich mich kenne, werde ich ihn nämlich lesen wollen. Aber langsam ist's wirklich mal gut.

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  4. Oh weia, ich habe schon in ein, zwei anderen Rezensionen Ähnliches gelesen und befürchte jetzt einiges :/ Muss aber sagen, dass ich den zweiten "Teil" schon weniger gut fand als mein geliebtes "Der Schatten des Windes" ...
    Als Zafon-Fan werde ich das neue Buch trotzdem lesen, aber wenigestens bin ich jetzt schon mal vorgewarnt, meine Erwartungen nicht allzu hoch zu setzen.

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    1. Stimmt, du warst von dem zweiten auch nicht so angetan. Ich weiß nicht - es gab ja auch viele, die den zweiten nicht so gut und den dritten dafür wieder besser fanden. Ich bin mal gespannt, was du dazu sagen wirst :)

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