[Rezension] Ruta Sepetys - Und in mir der unbesiegbare Sommer

grass-harp | Dienstag, 17. Juli 2012 | / |

Titel: "Und in mir der unbesiegbare Sommer"
Autorin: Ruta Sepetys
Originaltitel: "Between Shades of Gray"
Reihe: -
Genre: Jugendbuch, Historische Fiktion, Belletristik, Zweiter Weltkrieg
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: September 2011
Verlag: Carlsen
Format: Hardcover
Preis: 16,90 €
ISBN: 978-3-551-58254-6
Wohltäter: Mama & Papa
Leseprobe

Litauen, Sommer 1941: Die fünfzehnjährige Lina trägt noch ihr Nachthemd, als man sie, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder Jonas abholt. Sie weiß noch nicht, dass die sowjetische Geheimpolizei auch ihren Vater an der Universität verhaftet hat. Und auch nicht, dass sie - wie zehntausende andere Balten - nach Sibieren deportiert wird. Von einem Tag auf den anderen ist Lina konfrontiert mit unvorstellbarem menschlichem Leid, mit Hunger, Krankheiten und furchtbarer Gewalt. Doch Lina fängt an zu zeichnen, in den Staub, auf jedes kleinste Stück Papier, das sie finden kann. Und sie verliebt sich in Andrius. Lina kämpft um ihr Leben und um das ihrer Familie. Doch wird sie stark genug sein?

Quelle: Bild, Text





Es gibt Jugendbücher, in denen versinkt man gerne, weil das Lesen einfach Spaß macht, die Hauptfiguren echt wirken und man kurzzeitig die Welt aus einer anderen Perspektive sehen möchte. Dann gibt es aber auch Bücher, bei denen man immer und immer weiterliest, weil sie so schockierend sind, dass man sich gar nicht traut, das Buch wieder zuzuklappen. Auf irgendeine Weise wird man stark berührt, und wird von Seite zu Seite mitgenommener, kann aber nicht mehr aufhören. So ein Buch ist „Und in mir der unbesiegbare Sommer“.

Gebt mir ein Jugendbuch, das in irgendeiner Weise mit der Geschichte der Sowjetunion zusammenhängt und ich werde es lesen. An diesem Zeitabschnitt habe ich einen Narren gefressen und sauge gierig weitere Fakten darüber in mich auf. Aber Fakten sind nicht alles – den vielen Opfern muss man auch eine Stimme geben, ein Gefühl, damit man nicht nur die toten Zahlen und Tatsachen begreift, sondern auch das viele Leid, das dahintersteckte. Das hat sich auch Ruta Sepetys in ihrem Roman zur Aufgabe gemacht.


Lina und ihre Familie werden eines Abends völlig überraschend aus ihrem Haus in Kaunas abtransportiert und zusammen mit vielen anderen Menschen in Viehwaggons gesteckt. Es ist das Jahr 1941 und Litauen ist seit einem Jahr von den Sowjets besetzt. Das Ziel des Zuges ist zunächst ungewiss und nach langer Reise hält der Zug in Sibirien. Lina und die Tausend anderen Deportierten müssen Zwangsarbeit leisten, in einem Landstrich der karg und kahl ist, unter Aufsehern, die herzlos und brutal sind. Aber Lina gibt die Hoffnung nicht auf. Mit Zeichnungen und Worten hält sie die Schicksale fest.

Schon auf der ersten Seite wurde ich von der Geschichte mitgerissen. Das liegt an der gloriosen Kombination aus dem Schreibstil der Autorin – der mitreißend, wenn auch nicht kompliziert ist – und ihrer Fähigkeit, dadurch die Emotionen der Hauptfigur Lina besonders glaubhaft darzustellen. Dabei drängt sie sich dem Leser gar nicht auf. In „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ gibt es keine von Pathos oder überzogenen Beschreibungen verhunzte Stellen, eher im Gegenteil. In ihrer Schlichtheit sind Linas Gedanken und Gefühle viel berührender und glaubwürdiger. Auch der Umstand, dass sie manchmal den Leser addressiert, hat mir gut gefallen. Das passiert zwar nicht oft, aber mit gezielten Fragen bringt sie einen zum Nachdenken über bestimmte Dinge. Manche Sätze wollen mir auch Tage nach dem Lesen noch immer nicht aus dem Kopf gehen, weil sie so klar und eingängig und doch wunderschön formuliert sind.

Genauso schlicht sind auch die anderen Figuren gehalten. Sie sind auf ihre Art und Weise ganz besonders und wenn man ein paar Seiten mit ihnen verbracht hat, erkennt man auch langsam ihre Charaktereigenschaften. Durchschaubar sind sie dadurch trotzdem nicht. Oftmals fühlte ich mich von Handlungen einiger Figuren überrascht und war genauso ratlos wie Lina, wie ich damit umgehen sollte. Obwohl es unter den Wachmännern und Offizieren des NKWD natürlich auch ziemliche Schweine gibt, betreibt die Autoren keine Schwarz-Weiß-Malerei. Wie Lina muss man sich ein eigenes Urteil über die Figuren bilden und das fällt angesichts ihrer Ecken und Kanten und teilweise doch wieder ganz weichen Seiten gar nicht so leicht.

Handlungstechnisch ist „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ aber auch sehr mitreißend. Vor den vielen schrecklichen Dingen möchte man am liebsten die Augen verschließen, kann es aber gar nicht und so fliegt die Geschichte rasant an einem vorbei. Auch wenn es sehr brutale Stellen gibt, finde ich es gut, dass die Autorin nicht viel beschönigt, sondern einen an der Realität teilhaben lässt. Die ernsthafte Thematik gibt dem Roman natürlich aber auch viel Tiefgang, bildet den Leser weiter und lässt ihn über Dinge nachdenken, die sich sonst womöglich nicht so sehr aufdrängen.





„Und in mir der unbesiegbare Sommer“ ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. Authentische Figuren, ein schlichter, aber sehr schöner Schreibstil und im Zentrum das Schicksal eines Mädchens, das auch tausende andere zu der Zeit erleiden mussten, machen das Buch für mich zu einem der Besten dieses Jahres. Für Erwachsene und Jugendliche ist es gleichermaßen geeignet und ich wage ebenfalls zu behaupten, dass es für Leser, die sich für gewöhnlich fernab von diesem Genre bewegen, auch einiges bereithält.


Kommentare:

  1. Was für eine schöne Rezension... die hast du sehr schön geschrieben...

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    1. Danke :] Ich hatte erst ein wenig Bedenken, dass sie dem Buch nicht gerecht werden würde

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  2. Von dem Buch hab ich jetzt schon so viel Gutes gehört, ich glaub irgendwann muss ich mir das auch mal zulegen. An sich spricht mich das Thema gar nicht mal so direkt an, aber irgendwie reizt es mich doch, weil ich sonst sowas nicht lese.

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    1. Jaa, das solltest du. Und bei den englischen Covern hast du ja auch schön viel Auswahl xD
      Hmm... Ich kann das Buch nur empfehlen, aber man sollte schon in der Stimmung sein, etwas ernsthaftes und heftiges zu lesen, sonst kommt das Buch wohl nicht so gut an.

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  3. Du sprichst mir mit jedem Wort aus der Seele. Toll, dass es dir auch so gut gefallen hat!

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    1. Das freut mich! Ja, es war unglaublich...

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  4. Hey, das Buch wandert sofort auf unsere Wunschliste. Sind gerade dabei, auch einen Blog rund um Bücher zu starten. Schau doch mal vorbei:
    http://buchlabyrinth.blogspot.de/

    Freuen uns über weitere Anregungen und Vorschläge für neue Kategorien, Buchtipps & Kommentare

    LG ;)

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  5. Ich möchte dieses Buch auch noch unbedingt lesen :-) Von der Inhaltsbeschreibung und dem, was man darüber liest, her, habe ich nämlich die Vermutung, es könnte ähnlich gut sein wie "Die Bücherdiebin".

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    1. Hmm ich fand es ziemlich anders als "Die Bücherdiebin". Es spielt zwar zur gleichen Zeit, aber stilistisch, vom Verlauf der Geschichte und von den Figuren her, habe ich kaum Ähnlichkeiten entdeckt. Gut ist das Buch aber trotzdem (wenn nicht sogar besser :D). Ich bin mal gespannt, was du davon halten wirst :)
      LG

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    2. Besser als "Die Bücherdiebin" wird wirklich schwer ;-) Aber jetzt bin ich noch gespannter!

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    3. Hmm ich hatte ja an einigen wenigen Stellen etwas Probleme mit der Bücherdiebin, vor allem sprachlich. Deshalb hat mir dieses Buch auch noch besser gefallen :D

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  6. Hallo,
    es bereitet Freude deine Rezensionen zu lesen. Dieses Buch hatte ich mehrmals in der Hand, jedoch fiel meine Entscheidung dann doch immer anders aus. Es ist so gemein. Wenn man so viel Gutes hört und liest ist das nicht unbedingt gut für mein Portmonnaie.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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    1. Das freut mich wirklich sehr. Rezensionen sind wirklich Gift, wenn sie einem furchtbar viel Lust auf ein Buch machen, das man sich eigentlich nicht leisten kann (oder Bücher, die man sich in der Masse nicht leisten kann). Tut mir Leid :/ Aber vielleicht wird's ja mit diesem Buch hier irgendwann mal was. Wenn ja, wünsche ich dir viel Spaß damit!

      LG

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  7. Ich kann mich nur anschließen, eine wundervolle Rezension! Mich interessiert dieses Thema auch sehr, aber ich lese eigentlich eher Sachbücher dazu. Schicksalsberichte oder Bücher in diese Richtung gehen mir da meistens zu nahe :/ Trotzdem wandert das Buch auf alle Fälle auf meine Wunschliste. Ich werde es wohl erst lesen, wenn ich den Kopf etwas freier habe, aber ich bin sehr gespannt ob mir der Stil genauso gut gefällt.

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    1. Ja, die gehen wirklich sehr nahe und ich muss mich dann immer ein wenig erholen danach, weil sie so berühren. Man muss auch in der richtigen Stimmung sein. Ich bin mal gespannt, wie dir das Buch gefallen wird und wünsche dir viel Spaß!

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