[Rezension] Julianna Baggott - Memento. Die Überlebenden

captain cow | Mittwoch, 4. April 2012 | / |






Festeinband | 461 Seiten
Erschienen im März 2012
bei Bastei Lübbe
Preis: 16,99 € | Leseprobe
ISBN: 978-3-8339-0113-3
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Eine amerikanische Stadt, neun Jahre, nachdem die Bomben fielen. Majestätisch thront die Kuppel des Kapitols über den Trümmern – in ihr leben die Reinen, die Makellosen. Sie wurden auserwählt, eine neue, bessere Menschheit zu begründen. Unten in der Stadt kämpfen alle Übrigen ums Überleben. Auch die 16-jährige Pressia hat es schwer, sich und ihren Großvater durchzubringen. Und dann soll sie auch noch eingezogen werden, um für das grausame Militärregime zu arbeiten, das Angst und Schrecken in der Stadt verbreitet. Als sie den Verschwörungstheoretiker Bradwell kennenlernt, scheint das zunächst ihre Rettung zu sein. Er kennt den Untergrund und hilft ihr, unterzutauchen. Doch dann wird sie erwischt ...




Katniss, Peeta & Co. – aufgepasst! Hier kommt endlich mal wieder ernstzunehmende Konkurrenz, die sich neben euch blicken lassen und es mit euch aufnehmen kann!
Aber gehen wir zurück zum Anfang. Meine Erwartungen hielten sich – gelinde gesagt – in Grenzen, als ich „Memento. Die Überlebenden“ aufschlug. Schließlich waren die zuletzt gelesenen Dystopien mehr schlecht als recht: nichtssagende Liebesgeschichten verpackt in ein bisschen Wischiwaschi aus der Zukunft; Geschichten, die sich irgendwo auf der Mitte des Buchs in ganz viel Pathos verlieren oder einfach aus unglaubwürdigen Charakteren bestehen. Dementsprechend hatten meine Hoffnungen was „Memento“ anbetrifft eine fallende Tendenz, wenngleich ich einige vielversprechende Rezensionen dazu gelesen hatte.

Jetzt bleibt mir aber nichts anderes übrig als zu sagen, wie froh ich bin, dass ich mich auf das Buch eingelassen habe. Denn „Memento“ reiht sich nicht in die schiere Masse von durchschnittlichen Dystopien ein, sondern lässt diese weit hinter sich zurück! Es beginnt alles mit einem ziemlich verwirrenden Prolog, der so kryptisch ist, dass man gleich weiterblättern muss. Mit einer der Hauptfiguren, Pressia, taucht man zunächst in die Zukunft ein und lernt eine Welt voller Schmerz, verlorener Hoffnungen und Hässlichkeiten kennen. Auch wenn die Gegend und die Menschen ziemlich trostlos beschrieben werden, konnte ich nicht anders, als eine Faszination für Pressias Umfeld zu entwickeln. Denn es ist so detailliert ausgearbeitet, so glaubwürdig überlegt, dass es mir beinahe wirklich vorkam. Auch die Details, die man durch die Augen der anderen Hauptfiguren kennen lernt, wirken stets realistisch und weitestgehend lückenlos. Als besonders positiv empfand ich jedoch die politischen Hintergründe, die in „Memento“ eine Rolle spielen. Julianna Baggott hat hier nicht lediglich eine Abenteuergeschichte kreiert, sondern sich auch Gedanken zu den Ursachen der Katastrophe, deren Vorboten und den Konsequenzen gemacht. Allerdings nicht nur auf einer oberflächlichen Ebene. Statt sich mit einfachen Erklärungen zu begnügen, hat sie eine komplexe, manchmal vielleicht nicht ganz einfach zu durchschauende Welt aufgebaut. Schreckliches spielt darin eine große Rolle, sodass ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich das Buch selbst an spannendsten Stellen weglegen und alles verbildlichen und verdauen musste.

Aber neben den Intrigen, die gesponnen wurden und werden, spielt sich auch eine atemberaubende Geschichte in dieser furchtbar realistischen Welt ab. Für mich war es schwer zu durchschauen, in welche Richtung sich der Plot entwickeln würde, was auch daran liegen kann, dass man zunächst ziemlich viele lose Fäden in der Hand hält. Die Vielzahl an wichtigen Charakteren ist erstmal ungewöhnlich für eine Dystopie, die man zumeist nur aus einer oder maximal zwei Perspektiven geschildert bekommt. Doch hier wird mehreren Charakteren eine Stimme verliehen, sodass man als Leser Beweggründe und selbst gegensätzliche Motivationen gut nachvollziehen kann. Anfangs hatte ich noch Befürchtungen, die Perspektivwechsel könnten durcheinander gestaltet sein oder in einem schier undurchschaubaren Durcheinander enden, doch dem ist nicht so. Obwohl ich die meiste Zeit über aufgeschmissen war und wenige Ideen zum Fortkommen der Geschichte hatte, fügt sich irgendwann alles auf erstaunliche Weise.

Auch der Schreibstil bereitete mir auf den ersten Seiten noch Sorge. Im Präsens lese ich zwar mittlerweile sehr gerne, doch das eigentlich nur in der Ich-Perspektive. Julianna Baggott hat jedoch die Perspektive des personalen Erzählers gewählt und daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Doch schon nach ein paar Seiten war selbst das kein Problem mehr und ich konnte vollständig in der Geschichte versinken. Nicht einmal über den recht knappen Stil kann ich mich beklagen, denn er rückt die Charaktere und Geschichte in den Vordergrund. Zudem hält er immer wieder interessante Formulierungen und Beschreibungen bereit. Er ist auf die Außenwelt sowie auf das Innenleben der Charaktere konzentriert, sodass auch die Gefühle nicht zu kurz kommen. Ganz im Gegenteil: Neben der abenteuerreichen Handlung ist „Memento“ auch so etwas wie ein Bildungsroman, denn seine Hauptcharaktere müssen sich in vielerlei Hinsicht anpassen und Dinge akzeptieren. Positiv dabei fand ich aber auf jeden Fall, dass in diesem Roman keine Liebesgeschichte im Vordergrund steht.
„Memento“ ist eine Geschichte, die alle möglichen Arten von Liebe, Hass und Freundschaft beschreibt und konnte mich deshalb ganz besonders berühren.




„Memento. Die Überlebenden“ ist eine Dystopie, die es nicht verdient hat, in Bücherregalen zu verstauben. Selbst ich, die ich mittlerweile etwas übersättigt von dem Genre bin, zeige mich noch immer fasziniert von der Geschichte, die Julianna Baggott geschaffen hat. Nicht nur glaubwürdige Charaktere und ein spannender Handlungsverlauf machen „Memento“ zu etwas ganz besonderem, sondern auch der detailreiche Aufbau der Zukunftswelt.
Von mir bekommt das Buch ganz klar eine (fast) uneingeschränkte Leseempfehlung. Lediglich Leute, die nicht gern über Schlechtes lesen oder sehr zimperlich bei Gewaltbeschreibungen sind, sollten die Finger von dem Buch lassen.



Ich bedanke mich ganz herzlich bei BloggdeinBuch und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Das klingt doch sehr, sehr vielversprechend! Tolle Rezension, die definitiv Lust auf mehr macht. Das Buch stand zwar schon vorher auf meinem Wunschzettel, aber ich hatte/habe die selbe Dystopieskepsis, die du auch genannt hast! Aber irgendwie macht mich die Geschichte nun doch mehr als neugierig. Mal sehen.. :)

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    1. Das Buch ist wirklich nur zu empfehlen - endlich mal wieder eine richtig gute und packende Dystopie, die nicht nur an der Oberfläche kratzt! Vielleicht kann es dich ja auch so begeistern wie mich :D

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  2. Kann dir wirklich nur zustimmen! Ich bin auch mehr als froh mich auf diese Buch eingelassen zu haben und die Fortsetzung kann kommen ;)

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    1. Oh ja, ich bin schon mehr als neugierig. Hach, so ein tolles Buch...

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  3. Hach, ich hatte es befürchtet, dass meine Wunschliste wieder wachsen würde.
    Tolle und überzeugende Rezension! Ich bin sehr gespannt, was es mit dieser Zukunftswelt auf sich hat.. :)

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    1. Hihihi, tut mir (nur ein bisschen) Leid! :D
      Das Buch ist aber wirklich toll. Ich kann mir irgendwie vorstellen, dass es dir gefallen würde :D

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  4. Gute Rezension, mal wieder ;D
    Wollte das Buch auch lesen und hatte mich bei BdB beworben, aber leider bei der Glücksfee, nicht genug Glück im Lostopf gehabt :P

    Naja.. trotz der guten Rezension bin ich etwas skeptisch...
    Ich habe nichts gegen etwas "dunklere" Bücher oder wenn sie "gewaltsam" sind.. Aber danach muss mir auch die Leselaune stehen, sonst geht dies oft schrecklich daneben...

    Deshalb werde ich noch etwas warten und auf "den" passenden Zeitpunkt zu treffen.

    Kennst du "Die Enklave"?
    Dieses Buch fand icha uch düster und teilweise irgendwie schräg, grausam, düster.

    Also mal sehen...
    Liebe Grüße!
    Jenny

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    1. Freut mich, dass sie dir gefällt :D Und schade, dass du es nicht auch gewonnen hast :/

      Ja, man muss bei "Memento" wirklich in der Laune zu so etwas sein. Wenn man grad lieber eine schöne Liebesgeschichte oder so lesen sollte, dann erstmal einen Bogen um das Buch machen, weil das hält es wirklich nicht bereit. Aber wenn man Lust auf eine gute Dystopie hat, dann ist "Memento" wirklich richtig :D Deshalb warte am besten lieber ab.

      Ja, "Die Enklave" ist von der Düsternis ähnlich. Nur fand ich "Memento" weitaus realistischer und dadurch irgendwie noch erschreckender. Weißt du, was ich meine? :S

      Liebe Grüße
      Hannah

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  5. Ich hab langsam auch genug von Dystopien, vor allem da langsam Ideen wiederholt werden und die Autoren sehr auf den allgemeinen Geschmack setzen. Aber Memento hört sich wirklich gut an, mal sehen, ob das Buch auch irgendwann in meinem Regal landet, vielleicht kauf ich es mir auch schon bald :)

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    1. Da hast du recht. Aus dem Grund möchte ich auch Abstand von dem Genre nehmen und nur noch die Reihen zu Ende lesen, die ich begonnen hab. Vielleicht kriege ich dann irgendwann mal wieder Lust auf das Genre.
      "Memento" ist allerdings einer der Schätze innerhalb des Genres, demnach also sehr empfehlenswert! :)

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  6. Also generell bin ich einem Tausch nicht abgelehnt. :-D
    Wenn ich was für dich habe. :-P

    Hast du eine Wunschliste oder so?

    :-)
    Jenny

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  7. Das Buch liegt auch noch auf meinem SUB.
    Und nach deiner Rezension freue ich mich umso mehr drauf, danke dafür! :)

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    1. Bitte, bitte :D Ich wünsch dir ganz viel Spaß mit dem Buch!

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  8. Ich schaue heute Abend mal in Ruhe nach..
    Wie stehst du denn zu einer Gastrezension?
    Ich hab einige Bücher, bei denen ich gar nicht mehr sicher bin, ob ich lesen möchte... aber die müssen leider rezensiert werden..

    Hab mir deine Liste angesehen und ein paar Bücher hätte ich..
    Also falls du zu sowas bereit wärst, dann kann ich die Liste erweitern ;)


    Normal verkaufe oder ertausche ich die Bücher immer sofort, deshalb hab ich nicht allzu viele hier ;)
    Kannst dir ja überlegen.. Ich stöber heute Abend mal, ob ich was hab.


    Liebste Grüße!
    Jen

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  9. freut mich, das es dir besser gefallen hat als mir ^^

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  10. Ich kann mich nur anschließen: eine Rezi, die absolut Lust auf mehr macht! Durch Tina bin ich eh schon neugierig geworden und habe mir "Memento" gleich mal beim Tausch Ticket angefordert. Mal sehen, wann ich dazu greifen werde. Gerade weil es so düster und abstrakt sein soll. Hier gehen die Meinungen ja wieder einmal stark auseinander. Die einen lieben, die anderen hassen es. Ich hoffe mal, dass unser unterschiedlicher Geschmack, was "Dark Canopy" betrifft hier kein schlechtes Omen für mich ist. :P

    Liebe Grüße
    Reni

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    1. Was mir an diesem Buch so gut gefallen hat, war auf jeden Fall die Vielfalt an Gefühlen und dass keine Liebesgeschichte im Vordergrund steht. Wenn dich so etwas nicht stört, dann dürfte das Buch auch etwas für dich sein. Hoffentlich kann es dich ebenso begeistern wie mich und unsere unterschiedlichen Meinungen zu "Dark Canopy" sind nur eine Ausnahme :D

      Liebe Grüße

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  11. So ich stelle entweder heute oder morgen mal eine Liste auf meiner Seite, bei "Aktionen" online.

    Bei Büchern, die an Rezensionen gekoppelt sind, schreib ich das daneben. Vielleicht ist ja was für dich dabei :)

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  12. Vielen Dank für die tolle Rezi! Nach einigen nicht ganz so begeisterten Rezensionen zur deutschen Ausgabe bin ich froh, dass das Buch offenbar doch Highlight-Potential hat :D
    Es stand ohnehin schon ganz weit oben auf meiner WuLi, ist aber gerade noch ein Stückchen nach oben gerutscht. Schön zu lesen, dass es offenbar auch noch Dystopien gibt, die mit mehr als einer (mehr oder weniger) schönen Liebesgeschichte aufwarten können. Ich habe zwar noch nicht so viele gelesen und bin noch nicht übersättigt, aber tolle Ideen weiß ich trotzdem zu schätzen :)
    Hach, ich würde es am liebsten auf der Stelle lesen ^^

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    1. Das kann ich nur zu gut verstehen. Ich war auch erst etwas skeptisch, weil plötzlich mehr negativere Rezensionen kamen, aber im Endeffekt war das Buch genau das richtige für mich. Ich hoffe, dass das bei dir auch der Fall sein wird. Und wenn du es lesen solltest, wünsche ich dir jetzt schon mal ganz viel Spaß dabei!

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  13. Könnte ich so unterschreiben :) Manchmal ist es wirklich gut, sich nochmal auf ein Buch einzulassen, auch wenn die Rezensionen eher mittelmäßig sind.

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    1. Oh ja. Irgendwie gefallen mir oft sowieso Bücher besser, die nicht durchweg gut rezensiert werden. Vieles, was auf Amazon nur 4 oder 5 Sterne Bewertungen hat, macht mich erstmal misstrauisch :S :S

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