[Rezension] Andreas Steinhöfel - Die Mitte der Welt

grass-harp | Sonntag, 15. April 2012 | / |







Festeinband | 480 Seiten
Erstmal 1999 erschienen,
im Carlsen Verlag
Preis: ab 5,95 €
ISBN: 978-3-551-58197-6







Der siebzehnjährige Phil ist auf der Suche. So wenig er über seine Vergangenheit weiß, so chaotisch ist seine Gegenwart. Da ist zum Beispiel seine Mutter Glass mit ihren ständig wechselnden Liebhabern. Oder seine Zwillingsschwester Dianne, schroff und eigenwillig, mit Geheimnissen, die sie längst nicht mehr mit Phil teilt. Oder Annie, die verrückte Alte mit den roten Schuhen, die sich ausschließlich von Kirschlikör zu ernähren scheint und Nicholas, der Unerreichbare, in den sich Phil unsterblich verliebt hat. Phil sehnt sich nach Orientierung und Perspektiven. Und vor allem danach, mehr über sich selbst zu erfahren ...



„Die Mitte der Welt“ ist ein vielfach gelobtes und ausgezeichnetes Jugendbuch, dessen Klappentext mich vor allem angesprochen hat. Die Geschichte um Phil und seine etwas ungewöhnliche Familie sowie Nicholas, in den er sich verliebt, machten mich neugierig, sodass ich mir das Buch auch irgendwann zulegte. Lange Zeit überkam mich jedoch nicht die Lust, das Buch aufzuschlagen. Jetzt habe ich mich doch einmal herangewagt und bin erstaunt, mit was für einer wunderbaren Geschichte Andreas Steinhöfel mich da verzaubert hat.

Am besten könnte man „Die Mitte der Welt“ mit einer kleinen Truhe vergleichen. Auf den ersten Blick eher unscheinbar, aber wenn man sie dann öffnet stößt man auf lauter kleine Schubladen und verborgene Ecken, die Schätze und allerlei Schönheiten aber auch hässliche Dinge verbergen. Denn „Die Mitte der Welt“ ist alles andere als eine geradlinige Geschichte – fast zur Hälfte besteht es aus Rückblenden in Phils Vergangenheit, die bestimmte Begebenheiten in der Gegenwart besser erklären oder es dem Leser einfach ermöglichen, die Hauptcharaktere besser kennen zu lernen. Anfangs bestand meine Reaktion auf diese Erzähltechnik vor allem aus Verwirrung und Skepsis, doch schon nachdem man den Sprung in die Vergangenheit ein paar Mal mitgemacht hat, erkennt man, dass die Erinnerungen der Geschichte einen gewissen Charme geben und sie zu etwas Besonderem machen. Durch sie taucht man erst so richtig in Phils Kopf und Phils Vergangenheit ein, kann sich ein Bild von ihm und den anderen Figuren machen und versteht die Gegenwart besser. Darüber hinaus halten die meisten Rückblenden irgendwelche kleinen Weisheiten parat, wodurch sie nie langweilig werden.

Zudem ermöglichen sie einem, wie gesagt, ein besseres Bild von den Charakteren. Ich muss zugeben, dass mir nicht jede Figur aus „Die Mitte der Welt“ gefallen hat. Ein paar ganz schöne Kotzbrocken waren dabei. Doch jede dieser Figuren weckte auf irgendeine Art und Weise mein Interesse, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie alle sehr gut ausgearbeitet sind. Andreas Steinhöfel hat hier ein Ensemble von durchdachten, lebendigen und gleichermaßen außergewöhnlichen Charakteren kreiert. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass das, was ich lese, lediglich zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten ist. Vielmehr machte sich die Überzeugung in mir breit, dass irgendwo auf dieser Welt an irgendeinem Ort all das passiert sein muss, so überzeugend ist für mich der Aufbau der Handlung und der Charaktere.

Obgleich allein diese Komponenten für ein gutes Buch reichen würden, ist das noch nicht alles. Denn neben der Thematik des Erwachsenwerdens ist auch Homosexualität ein wichtiger Punkt in diesem Roman. Wunderbar natürlich ist er in die Handlung eingebunden, verliert zugleich jedoch nicht den Bezug zur Realität.

Die Fäden werden zusammengehalten von einem unvergleichlichen Stil – schöne Worte und Formulierungen machen ihn aus, sodass meine Augen noch begieriger über die Seiten glitten, um Phils Geschichte aufzusaugen und abzuspeichern. Unpassend oder gekünstelt kam mir dabei nichts vor. In „Die Mitte der Welt“ stimmt einfach alles.



„Die Mitte der Welt“ beschreibt eine Geschichte, die das Leben nicht besser hätte erzählen können. Vom Schreibstil über die Handlung bis zu den Charakteren passt einfach alles. Wenn man nicht gerade wert auf viel Action legt, ist dieses Buch durchaus einen Blick wert. Für jung und alt gleichermaßen geeignet.

Kommentare:

  1. Das Buch will ich schon seit Jahren lesen und du hast mir jetzt bewiesen, dass ich das wohl auch muss. Danke für die schöne Rezension :)

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    1. Bitte, bitte, mach es unbedingt! Ich finde es ganz wunderbar und habe mir jetzt schon vorgenommen, es irgendwann wieder zu lesen :)

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  2. Darf ich mal vorsichtig fragen: Wie hast du den Baum in die Leiste gezaubert? :o

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    1. Neben der URL meinst du? Da musst du bei Design das "Favicon" ändern. Einfach ein kleines, quadratisches Bildchen kreieren und hochladen (:

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  3. Schön, dass dir das Buch auch so zugesagt hat! Mit deiner Rezension sprichst du genau das aus, was ich auch beim Lesen empfunden habe.

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    1. Das freut mich :D
      Ich muss dir noch mal herzlich dafür danken, dass du mir das Buch mit deiner Rezension wieder schmackhaft gemacht hast :D Sonst wär es hier wohl noch länger liegen geblieben...

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  4. Ach ja, die "Mitte der Welt" - auch wenn ich ein paar Probleme mit dem Buch hatte, erzählt es doch eine wunderschöne Geschichte. Und der Schreibstil von Andreas Steinhöfel ist wirklich bezaubernd. Also kann ich gut verstehen, dass dir das Buch so gefallen hat :-)
    Insgesamt hätte ich mir damals beim Lesen allerdings eine etwas gradliniger erzählte Geschichte erhofft (die vielen Zeitsprünge fand ich echt verwirrend) und war von ein paar Szenen im Buch echt verstört (die alte Frau im Dorf oder die Erlebnisse mit den Mitschülern...) Aber auf jeden Fall ein Buch zum Nachdenken :-)

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    1. Die verstörenden Szenen waren wirklich heftig, aber ich fand sie auch verständlich. Natürlich passiert so etwas nicht jedem, aber zur Geschichte passte es, in meinen Augen, recht gut.
      Auf die wenig geradlinige Geschichte war ich glücklicherweise vorbereitet, deshalb war es in Ordnung, aber es hätte mich sicherlich auch mehr gestört, wenn ich nicht in der Stimmung dazu gewesen wäre.

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  5. Du liest aber auch immer so interessante Bücher! "Die Mitte der Welt" rutscht hiermit ein ganzes Stück höher auf meiner Wunschliste. Danke!

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    1. Hihi, du aber auch ^_^ "Die Mitte der Welt" kann ich aber nur empfehlen, es ist ein wahrlich tolles Buch!

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  6. Schöne Rezension :) Ist jetzt auch auf meine Wunschliste gewandert :)
    LG

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    1. Danke :) Das freut mich :D Das Buch ist wirklich gut. Allerdings sollte man darauf vorbereitet sein, dass keine ganz geradlinige Geschichte erzählt wird :)

      LG

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  7. Das hört sich aber nach einem tollen Buch an. Zwischenzeitlich mal was "ruhigeres" zu lesen, empfinde ich als wichtig. Der Carlsen Verlag kann da wirklich immer mit richtig guter Lektüre dienen. Danke für die Rezi und den Tipp! Das Buch notiere ich mir. :)

    Herzliche Grüße

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    1. Ich lese insgesamt viel lieber ruhigere Bücher, deshalb fand ich dieses Buch hier auch so toll. Aber man muss schon wissen, worauf man sich bei "Die Mitte der Welt" einlässt.
      Nichts zu danken :) Solltest du das Buch mal lesen, bin ich gespannt, wie es dir gefallen wird!

      Liebe Grüße

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  8. Hey,
    ich hab das Buch schon vor langer Zeit gelesen. Im Nachhinein sollten wir dann ein Portfolio fuer die Schule machen. Erst war ich total gelangweilt und ueberhaupt nicht begeistert. Durch das Portfolio ist mir dann klar geworden, dass die Geschichte wirklich sehr durchdacht war und gerade durch ihre Details glaenzt. Leider kann ich das Buch dennoch nicht jedem weiterempfehlen. Es ist doch seeeehr speziell ;-)
    LG Shira

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    1. Hallo (:
      Du hattest ja bei Pooly's schonmal geschrieben, dass dir das Buch nicht sooo gut gefallen hat, wenn ich mich richtig erinnere...? Du hast recht, es ist wirklich nicht für jeden was, aber irgendwie lässt sich bei dem Buch meiner Meinung nach auch schwer sagen, wer es mögen könnte und wer nicht. Bei manchen Büchern geht das ja, aber bei diesem hier ist das schwierig, finde ich.
      Für die Schule stelle ich mir das aber einerseits interessant andererseits auch merkwürdig vor...

      LG

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  9. Ich habe das Buch vor langer, langer Zeit als Hörbuch gehört und war genauso angetan wie du. Es ist so wundervoll geschrieben und die vielen kleinen Geschichten und Anekdoten sind alle interessant. Wird Zeit, dass ich es mal wieder lese (bzw. zum ersten Mal mit eigenen Augen lese) :)

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    1. Das Buch ist wirklich etwas, das man immer wieder lesen kann, weil die Geschichte so voller Leben und schöner Geschichten steckt. Ich kann es dir nur empfehlen, dir das ganze nochmal zu Gemüte zu führen!

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